21.04.2023

Myofasziotomie - eine minimalinvasive Behandlung bei verkürzten Muskeln

Im Rahmen des interdisziplinären Therapeutenkongress CON.THERA informiert Dr. Peter Bernius, Chefarzt des Zentrums für Kinder- und Neuroorthopädie der Schön-Klinik, über die Methode der „Perkutanen Myofasziotomie“.

Zu sehen ist ein Portraitfoto von Dr. Peter Bernius, Chefarzt des Zentrums für Kinder- und Neuroorthopädie der Schön-Klinik. Er trägt einen weißen Arztkittel und eine Krawatte. Zudem trägt er eine Brille, kurzes graues Haar und blickt lächelnd in die Kamera.
Im Rahmen des CON.THERA können Interessierte am Vortrag von Dr. Peter Bernius, Chefarzt des Zentrums für Kinder- und Neuroorthopädie der Schön-Klinik teilnehmen. (Bild: Peter Bernius)

Ganz vereinfacht werden bei diesem relativ „unblutigen Eingriff“ Narben innerhalb eines Muskels oberflächlich ertastet und mit einem speziellen, sehr kurzen Skalpell durchtrennt und die Faszien, die alle Muskeln umhüllen, gespalten. Hierbei entstehen keine neuen, großen Hautverletzungen und die noch funktionstüchtige Muskulatur wird geschont. Der Schmerz nach der OP ist deutlich geringer und hält kürzer an. Die wichtige postoperative Mobilisation fällt leichter, denn der Kraftverlust in den operierten Muskeln ist geringer.

Seit 2008 hat sich diese Methode vor allem durch das Internet unter vielen Eltern von Kindern mit Cerebralparese herumgesprochen. Denn die deutlich geringere Invasivität mit fast unsichtbaren Narben ist für die mit vielen Eingriffen konfrontierten Kinder und deren Familien weniger belastend.

Grundsätzlich können in einem Eingriff viele Muskelkorrekturen an Armen, Beinen, Rumpf und auch am Kopf in einer Narkose vorgenommen werden. Die Patientinnen und Patienten jeden Alters bleiben zwei bis drei Nächte stationär in der Klinik und müssen danach ihre „frisch elastischen Muskeln“ täglich für mehrere Stunden trainieren und bewegen. Hier gilt: „Viel hilft viel“.

Zum Hintergrund

Wechselnde Belastungen stimulieren bei einem gesunden Kind den Muskelaufbau, halten die Muskeln elastisch und belastbar. Kinder mit Cerebralparese (CP), aber auch Schlaganfallbetroffene entwickeln immer strukturelle Muskelveränderungen, obwohl die Läsionen im Gehirn sind und in erster Linie die Muskeln gar nicht betroffen sind. Reduzierte Bewegung führt zur Verkürzung der Muskulatur. Dies wiederum zu Spastiken und im Verlauf zur Vernarbung und Verhärtung des Bindegewebes und der Faszienhülle um den Muskelbauch. Sobald dieses Gewebe nicht mehr elastisch ist, entstehen schmerzbedingt verkrampfte Schonhaltungen. Die Gelenke werden verkrümmt und unbeweglich, daraus folgen Schäden und Einschränkungen der Beweglichkeit des ganzen Körpers.

In der kinderorthopädischen Behandlung der CP werden neben den notwendigen „großen“ knöchernen Operationen an der Hüfte sowie Beinen und Füßen leider immer noch Sehnen operativ verlängert, um das Gehen oder eine physiologische Sitzhaltung zu ermöglichen. Die Perkutane Myofasziotomie ist eine wichtige Ergänzung zu diesen klassischen Behandlungsmethoden. Sehnenverlängerungen sollten vermieden werden.

Je früher man mit der Muskelerhaltungstherapie beginnt und so den großen Folgeschäden vorbeugt, desto besser wird die Lebensqualität der betroffenen Menschen sein. Der Muskel lernt im Kleinkindalter ständig. Diese „Lernerfahrungen“ aktivieren weitere Prozesse im Gehirn, die den Kindern mit CP entgehen. Bei der Kindesentwicklung gibt es immer wieder relevante Zeitfenster, die genutzt werden müssen. Bleiben die Muskeln und damit die jungen Patientinnen und Patienten inaktiv, erwarten sie lebenslange Einschränkungen, die man vielleicht durch frühzeitige Eingriffe hätte vermeiden können.

„Die Korrekturmöglichkeiten bei diesem minimalinvasiven Eingriff sind sehr gut und entsprechen unserer Erfahrung nach den Möglichkeiten bei offener Operation. Die Eingriffsdauer pro Muskel ist kurz. So können pro Narkose durch viele kleine Einritzungen Lücken in die verhärteten Muskeln in unterschiedlichen Körperbereichen geschnitten werden. Die sofort spürbare Muskelentspannung zusammen mit den geringeren OP-Nachwirkungen führen zu guter Akzeptanz bei den Betroffenen und deren Angehörigen“, fasst Dr. Peter Bernius zusammen.

Nach München kommen Patientinnen und Patienten aus Australien, Vancouver oder Wladiwostok. Doch noch immer wird die Myofasziotomie kritisch gesehen, weil es zu wenig Forschung dazu gibt. „Bei Kindern und Jugendlichen mit CP geht es nicht nur um Mobilität in Armen und Beinen. Wir können auch den starken Speichelfluss regulieren, dies ist ja sozial sehr stigmatisierend und belastend, für die Betroffenen und Angehörigen. Kinder mit CP sind wie Spitzensportler: alle medizinischen Fachleute werden versuchen, das Beste aus ihnen herauszuholen, um die Lebensqualität hoch zu halten und Teilhabe zu ermöglichen. So können auch die notwendigen Hilfsmittel von der Orthese über Rollstühle, Stehtrainer, Therapiestühle und andere Anpassungen besser genutzt werden“, fasst Dr. Bernius zusammen. Seine Vorstellung des Münchner Konzeptes beim CON.THERA-Kongress richtet sich an alle Interessenten. Einen guten Überblick über alle Hilfsmittel und die Möglichkeit, vieles auszuprobieren gibt es dann in den Messehallen bei der 22. REHAB vom 15. bis 17. Juni 2023 in Karlsruhe.

Linktipps zur Vertiefung:

https://kbo-kinderzentrum-muenchen.de/forschungsschwerpunkte-und-projekte/cerebralparese/einfluss-der-perkutanen-myofasziotomie-auf-die-gehfunktion-bei-patienten-mit-spastischer-cerebralparese

https://www.miotenofasciotomia.com/de/